Kein Schwein ist gern allein. Das Sozialverhalten des Meerschweinchens

Meerschweinchen sind nicht gerne allein

Sie quieken, brummen, zirpen, schreien, klappern mit den Zähnen und gurren. Dass Ihr Meerschweinchen über ein ganz beachtliches Repertoire unterschiedlichster Laute verfügt, haben Sie bestimmt schon bemerkt. Wie der Mensch und alle anderen sozialen Wesen, kommunizieren auch Meerschweinchen auf ihre ganz eigene Art. Die Verständigung unterstützt ein soziales System, das überlebenswichtig für die kleinen Nager ist. Und das ein verantwortungsbewusster Halter dringend beachten sollte.

 

Sprache – mehr als Quieken und Glucksen

Meerschweinchen „reden“ miteinander durch bestimmte Stimmfühlungslaute. Haben sich Mutter und Kind zum Beispiel aus den Augen verloren, rufen sie einander durch Pfeifen und Fiepen. „Purren“ ist ein Ausdruck der Unsicherheit und Unruhe: Hierbei geben die Nager leise Knackgeräusche von sich, ähnlich dem Schnurren einer Katze. Böcke brummen und wackeln mit dem Hinterteil, sowohl um Weibchen zu imponieren, als auch um Konkurrenten abzuschrecken – das sogenannte Brommseln. Schrilles Quieken, welches der Halter wohl häufig von seinem behaarten Mitbewohner vernimmt, ist vor allem ein Ruf nach Futter oder Aufmerksamkeit. „Zirpen“ ist der eindringliche Schrei des Meerschweinchens, der als Warn- und Angstruf dient. Er bedeutet Stress und Erregung und alarmiert das gesamte Meerschweinchenrudel. Der liebste Laut des Besitzers sollte aber wohl Glucksen und Gurren sein, denn so zeigt das Meerschweinchen seine Zufriedenheit. Diese Tonfolge wirkt auch beruhigend auf Artgenossen und Nachwuchs.

Zum Sozialverhalten dieser geselligen Nager gehört aber nicht nur ihre orale Kommunikation, sondern auch die Verständigung über Körpersignale – sie ist ebenso diffizil wie spannend zu beobachten. Dazu zählt das Wittern, ein Ausdruck von Neugier, genauso wie das Beschnuppern von Artgenossen (und auch des Menschens) zur Kontaktaufnahme. Verlangt es dem kleinen Säuger nach Aufmerksamkeit, wird er den Partner anstupsen, vielleicht sogar ablecken. Da Meerschweinchen aber selten Kuscheln und sich auch kaum gegenseitig putzen, ist das schon ein absoluter Liebesbeweis.

Nicht ganz so zarte Verhaltensweisen zeigen die Nager, wenn sie drohen oder imponieren wollen: Dann stellen sie sich auf, machen sich größer und klappern mit den Zähnen. Selten geht ein Meerschweinchen so weit, den anderen zu beißen – ein leichtes Knabbern bedeutet Ärger, feste Bisse erfolgen meist bei Rangordnungskämpfen oder in panischer Angst. Genau diese Angst zeigt sich auch in gelähmtem Erstarren. Möchten die Tiere aber einfach ihre Ruhe haben, treten sie oder schlagen mit dem Kopf. Auf diese Signale sollte jeder gute Halter achten, die Bedürfnisse des kleinen Freundes akzeptieren und auf sie reagieren. Tut man dies, kann man mit etwas Glück die höchste Form der Zufriedenheit beobachten: Übermütige Luftsprünge voller Euphorie, das „Popcornen“ oder absolute Ruhe, in der die Nager tiefenentspannt auf der Seite dösen. Man erkennt auf den ersten Blick (und auf den ersten Laut): Meerschweinchen sind absolut gesellige Tiere und brauchen einander, genau wie wir Menschen. Aber warum eigentlich?

 

Soziale Organisation – mit Zucht und Ordnung

Die Vorfahren der pelzigen Zwerge kamen, wie der Name schon sagt, einst übers Meer nach Europa. In ihrer Heimat Südamerika lebten und leben die „echten Meerschweinchen“ in familienähnlichen Gruppen zusammen, den sogenannten „Harems“. Diese Harems bestehen aus einem Alpha-Männchen oder Leitbock, der unter sich einige Weibchen und deren Kinder versammelt. Außerdem duldet er rangniedere Männchen, solange sie ihm seine Vormachtstellung nicht streitig machen. Die Harems wiederum fügen sich in größere Gruppen von mehr als 20 Tieren ein, die dann gemeinsam ein Habitat bewohnen. So entstehen Populationen, in denen trotz der hohen Dichte Friede und Eintracht herrscht. Das funktioniert nur durch klare Regeln, an die sich jedes Mitglied zu halten hat.

Wie erreichen die kleinen Nager eine solche Harmonie? Bei fast allen höheren Wirbeltieren, die in großen Gruppen zusammenleben, lässt sich ein spezielles Phänomen beobachten: Der „Dichtestress“. Je mehr Tiere auf kleinem Raum, desto anstrengender wird es für die Individuen, desto aggressiver verhalten sie sich. Unschwer zu erkennen beim Menschen – sehen sie sich einmal enge Plattenbauten oder dicht bevölkerte Slums an. Meerschweinchen jedoch schaffen es, durch klare Strukturen und eine zweigeteilte soziale Organisation, ohne Probleme den „Dichtestress“ zu umgehen und sich trotzdem richtig gern zu haben. Das klappt nur mit Zucht und Ordnung: Die Kleingruppen untereinander handeln eine lineare Rangfolge aus. Die Nachkommen produziert zum größten Teil das Alpha-Tier. Die anderen Böcke halten sich an diese Abmachung und gestalten ihre Beziehung zum anderen Geschlecht größtenteils platonisch. Zwischen den einzelnen Kleingruppen herrschen wiederum strenge Regeln: Jeder Harem beansprucht ein kleines Revier für sich, das die anderen Familien akzeptieren. Es wird untereinander nur selten gestritten, um Gebiete gekämpft, Weibchen oder Positionen streitig gemacht. Der Mensch könnte sich durchaus eine Scheibe von diesen friedlichen Gesellen abschneiden.

 

Kein Leben in Einzelhaft

Mindestens zwei Meerschweinchen sollten es seinAls soziale Wesen braucht jedes Meerschweinchen seine Artgenossen. Sie sind überlebenswichtig für die zarten Nager, gerade in freier Wildbahn: Gemeinsam wird unbekanntes Terrain erkundet, Futter gesucht, der Nachwuchs großgezogen. Man bewacht, beschützt und verteidigt sich gegenseitig. Wie geht es nun den domestizierten Meerschweinchen in Einzelhaft? Ein solches Tier verkümmert. Sowohl körperlich – das Immunsystem von Einzeltieren ist schwächer, sie sind krankheitsanfälliger, haben eine geringere Lebenserwartung und im Krankheitsfall weniger Lebensmut – als auch psychisch. Stellen Sie sich einen Menschen vor, abgeschottet von der Außenwelt,  sein Leben lang in einer Gefängniszelle: Er verlernt soziales Verhalten, verlernt seine Sprache, wird in sich gekehrt und unglücklich. Und da hilft es kaum, ihm ein Meerschweinchen in die Zelle zu setzen. Heißt im Umkehrschluss: Kein Mensch kann dem Nager seine pelzigen Freunde ersetzen, auch wenn er sich noch so gut um ihn kümmert. Gleiches gilt für Kaninchen und andere vermeintlich passende Käfiggenossen. Sie sprechen verschiedene Sprachen, haben verschiedene Rituale und können nicht angemessen auf den Fremdling reagieren.

Von Kindesbeinen an lernt ein Meerschweinchen soziale Strategien, Kommunikation, Interaktion. Tiere, die diese Phase verpasst haben, die einfachen Regeln der Hierarchie nicht beherrschen oder sie verlernt haben, sind in der Gruppe heillos überfordert. Bei der Vergesellschaftung von Einzeltieren heißt es also: Behutsam vorgehen, die richtige Mischung finden. Ideal sind ein kastrierter Bock und mehrere Weibchen. Auch gleichgeschlechtliche Wohngemeinschaften funktionieren in der Regel, und sind auf jeden Fall besser als die langweilige, quälende Einzelhaft. Sind die richtigen Partner gefunden, sollten sie sich langsam und auf großem Raum kennenlernen. Doch die Mühe lohnt sich: Ein Gruppenmeerschweinchen ist gesünder, aufgeweckter, munterer, glücklicher. Und sein Besitzer auch.


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